2015 - Stefanie Grohs: Mitten unter uns

In den Adlerwerken in Frankfurt am Main existierte von August 1944 bis März 1945 ein Konzentrationslager. Etwa 1600 Häftlinge, überwiegend polnische Männer aus dem Warschauer Aufstand waren dort interniert. Sie litten an Hunger, Kälte, Krankheiten, physischer und psychischer Gewalt und mussten schwere körperliche Arbeit verrichten. Diese und allgemein extrem schlechte Bedingungen im Lager trugen in vollem Ausmaß dazu bei, diese Menschen zu vernichten. Nur ungefähr 50 Männer überlebten.

Die Staffel der Kunst-Projekte zum Gedenken an das KZ-Außenlager 'Katzbach' ist 2015 an die zweite Künstlerin Stefanie Grohs übergeben worden, die mit den Kunstinterventionen "Mitten unter uns" die Projekt-Reihe fortsetzte.

Zum Gedenken an die ehemaligen Häftlinge des KZ-Adlerwerke wurden von der Künstlerin Stefanie Grohs und zahlreichen freiwilligen Helfern 1200 Stoffbinden an Bäumen in Frankfurt angebracht. Jede Stoffbinde erinnerte an einen der Häftlinge. Die Aktion fand am Samstag, den 21. März 2015 statt: www.mittenunteruns.de. Weitere Aktionen folgten. Man konnte dem Projekt auch über Facebook folgen: https://www.facebook.com/pages/Mitten-unter-uns/833886799989545?fref=ts

Zu sehen war diese Installation noch bis Oktober 2015 am Museumsufer in Sachsenhausen, in der Innenstadt rund um die Zeil und im Gallusviertel, in dem sich auch das ehemalige Konzentrationslager Katzbach befand.

In weiteren Aktionen im August und September 2015 wurden noch 400 Stoffbinden an Bäumen angebracht, da insgesamt 1600 Häftlinge im Arbeitslager der Adlerwerke interniert waren. Bereits installierte und auch fehlende Stoffbinden wurden durch Neue ausgetauscht. Symbolisch wurde mit dieser Aktion auch die Austauschbarkeit der Häftlinge sichtbar: Wer unbrauchbar, krank oder tot war, wurde durch eine andere Person ersetzt.

Weitere Aktionen von Stefanie Grohs:

Samstag, 8. August 2015, 12 Uhr, Treffen im historischen museum
4. Aktionstag: Etwa 130 der bereits installierten Stoffbinden wurden mit freiwilligen Helferinnen und Helfern gegen neue Binden ausgetauscht.

Sonntag, 9. August 2015, 12 Uhr, Treffen im historischen museum
5. Aktionstag: Etwa 130 der bereits installierten Stoffbinden wurden mit freiwilligen Helferinnen und Helfern gegen neue Binden ausgetauscht.

Samstag, 5. September 15, im Rahmen von „Stadtlabor unterwegs im Gallus“
6. Aktionstag: Etwa 130 der bereits installierten Stoffbinden wurden mit freiwilligen Helferinnen und Helfern gegen neue Binden ausgetauscht.

Woche vom 19. - 23.Oktober 15
Abhängung der Stoffbinden mit freiwilligen Helferinnen und Helfern

Samstag, 21. November 2015
Abschlussveranstaltung der Installation MITTEN UNTER UNS im historischen museum
 

Über die Künstlerin:

Stefanie Grohs, geboren 1974 in Gießen, studiert von 1995-2000 Kunstpädagogik und Lehramt an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, u.a. bei Johannes Stüttgen. 1998 belegt sie ein Semester „Art History“ an der New York University. Bis 2007 arbeitet sie als Lehrerin und widmet sich ab 2006 intensiv ihrer künstlerischen Weiterbildung: Sie studiert als Gast bei Lucie Beppler an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Fotografie bei Martin Liebscher an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Die ersten Collagen entstehen im Rahmen einer Sommerakademie in Dresden in der Zusammenarbeit mit Marion Eichmann. Von 2007 bis 2010 besucht sie die Städelabendschule bei Vroni Schwegler. Ihre Arbeiten sind seit 2007 in Frankfurt und auch bundesweit in diversen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Heute lebt und arbeitet sie als freie Künstlerin und Lehrerin in Frankfurt am Main.

Im Jahr 2007 beginnt die Künstlerin im Rahmen ihrer eigenen Familienforschung, Reisen nach Tschechien und Polen zu unternehmen. Die Familie väterlicherseits stammt aus dem Sudetenland; sehr berührt hat sie immer die Lebensgeschichte ihrer Großmutter Martha. Auf einer dieser Reisen besucht sie – losgelöst von der Familienforschung – die Gedenkstätte in Auschwitz. Es entsteht eine große Fassungslosigkeit in ihr darüber, dass an diesem Ort Menschen zu Nummern wurden und somit ihre Identitäten ausgelöscht wurden. Ebenso darüber, wie es geschehen konnte, Fabriken zur systematischen Tötung von Menschen zu bauen. Als “Enkelin des Tätervolkes” erkennt sie die Notwendigkeit, für sich selbst Stellung beziehen:
„Ich hatte das Gefühl, meine eigene Familiengeschichte verleugnen zu müssen, kein Recht mehr zu haben, sie betrauern zu dürfen. Dieser Konflikt und die Unfähigkeit, ihn zu lösen, führten mich über einige Jahre immer wieder nach Auschwitz. Dort begann ich das Kleidungsstück eines ehemaligen Häftlings zu zeichnen. Ein Kleid, das eine Mutter während der Haft für ihr Kind heimlich aus ihrer eigenen Decke nähte. Marianna und ihre Tochter Maria überlebten Auschwitz, ihre Geschichte und die der Entstehung des Kleides berührten mich sehr.“

Aus diesen Reflexionen kristallisiert sich ein Projekt, das mit der eigenen Familiengeschichte der Künstlerin zusammenwächst. In der bislang noch nicht gezeigten Ausstellung “Martha und Marianna” thematisiert sie den inneren Konflikt, den sie mit vielen Deutschen teilt: ein eigenes Familienschicksal zu haben, es betrauern zu wollen und dabei dem Tätervolk anzugehören, das für die Verbrechen der Nationalsozialisten verantwortlich ist. „In mir ist das dringende Bedürfnis gewachsen, neben der Darstellung des beschriebenen Konfliktes, damit auch zum Erinnern und Gedenken an diese Geschehnisse beizutragen. Die Zeitzeugen werden nicht mehr lange erzählen können, und besonders die jüngere Generation weiß wenig über dieses Thema.“

Seitdem setzt sich Stefanie Grohs intensiv mit dem Nationalsozialismus und den beschriebenen Themenbereichen vielfältig auseinander. Geblieben aus der Zeit in Auschwitz ist für sie auch die Beschäftigung mit der Tatsache, dass Menschen zu nummerierten Objekten degradiert wurden. Seit etwa 2011 sind ihre Arbeiten inhaltlich geprägt vom Versuch einer visuellen Darstellung von Identitätslosigkeit und dem Verlust von individuellen Zügen, indem sie diese durch fiktive Nummern ersetzt.

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